Nicht vom Pferd fallen!

Jeden Tag tausende Entscheidungen! Tu dies, mach das! Soll ich wirklich? Oder lieber doch nicht? Da kann ich schon mal die Orientierung verlieren. Heute gibt es einen weisen Rat. Von Pastor Wilfried Röcker vom Bildungswerk der Evangelisch-methodistischen Kirche.

Wochenspruch – Dan 9, 18

Psalmgebet – Ps 31, 20-25

Predigttext – Pred 7, 15-18

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

2 Kommentare
Kommentare
  1. Dorothe und Eberhard Klaiber
    Dorothe und Eberhard Klaiber aus Rheinhausen/Weissach sagte:

    Vielen Dank, lieber Wilfried, für dieses „Predigtnachgespräch“.
    Klare Worte auf den Punkt gebracht.
    Diese alten Texte in unmittelbare Beziehung zu unserer Lebenswirklichkeit zu setzen, fordert heraus, ist aber gut und wichtig. Vielen Dank und liebe Grüße
    Dorothe und Eberhard

    Antworten
    • Wilfried Röcker
      Wilfried Röcker aus Freudenstadt sagte:

      Liebe Dorothe, lieber Eberhard,
      vielen Dank für Eure Rückmeldung. Ja, die Weisheiten, auf der sich der Prediger bezieht stammen wirklich aus einer anderen Zeit und Welt. Ich habe am Ende gedacht: es wäre gut, wenn auch wir uns auf unsere Weisheiten und Sprichwörter besinnen würden. Derzeit werden Anliegen vor allem über plakative Parolen vertreten, die dann auch noch andere schlecht machen. Ich bin sicher, auch in unserer Kultur können wir das eigentlich besser: mit Weisheit und Verstand.
      Liebe Grüße, Wilfried

      Antworten

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Eben haben wir auf den Rat eines Versammlungsleiters aus dem 3. oder 2. Jahrhundert vor Christus gehört. Das Buch Kohelet wird in den deutschen Bibelübersetzungen darum oft „Prediger“ genannt, weil Kohelet mit „Versammlungsleiter“ übersetzt werden kann.

Es ist schon etwas komisch, eine Predigt über eine Predigt zu halten. Ich lade Sie darum eher zu einem „Predigtnachgespräch“ ein.

Lassen Sie uns in Gedanken miteinander ins Gespräch kommen: Wie fanden Sie den Rat des Predigers: „Sei nicht übertrieben gerecht und sei zwar nicht allzu aber doch ein bisschen gottlos“? Das ist schon ein steiler Satz in einer Predigt, oder?

Mein erster Gedanke war: Ach, wie schön! Da empfiehlt einer das Mittelmaß. Da bricht einer eine Lanze für ganz normale Menschen, die irgendwie versuchen, durchs Leben zu kommen. Hier wird nicht der Superfromme gelobt, der ohne Makel ist. Nein. Es wird sogar geraten, ab und zu auch ein bisschen gottlos zu sein. So ein oder zwei Laster gehören zum Leben einfach dazu.

 

In Freudenstadt im Schwarzwald kannte ich einen Förster. Dem hab ich einmal gestanden:  ich hab im Wald Feuer gemacht, um meine Würstchen zu braten, obwohl  keine ausgewiesene Feuerstelle da wareine Reaktion war: „Ach Wilfried, des freit mi, dass Du auch mol was vorboddes machsch.“ Für ihn war es unglaublich zufriedenstellend, dass auch ein Pastor nicht perfekt ist und gegen Regeln verstößt.

 

„Well, nobody‘s perfect.“ Mit diesem Satz endet der Spielfilm „Manche mögens heiß“ aus dem Jahr 1959. Diese letzte Filmszene wurde für eine ganze Generation zum Motto. Heute ist dieser Ausspruch Name eines Gesellschaftsspiels, bei dem man möglichst glaubwürdige, aber erfundene Antworten auf ungewöhnliche Fragen geben muss.

 

Nobody is perfect. Eine humorvolle und entspannte Haltung von der wir uns weit entfernt haben, oder? Heute dreht sich doch alles darum, das Leben zu optimieren. Im Zeitalter von Instagram und youtube ist das Mittelmaß nichts wert. Das „perfect life“, die Lehre vom besseren Leben wird uns dort gepredigt. Streng Dich ein bisschen an und Du wirst in ein paar Wochen schlank wie ein Topmodel. Dein kränkelndes, alterndes Leben verwandelt sich in nullkommanichts in ein gesundes, wenn Du Dich nur biologisch und möglichst vegan ernährst. Mit ein wenig Disziplin wirst Du gesund, schön und glücklich.

Sie merken es an meinem Tonfall: da bin ich doch froh über diese alte Predigt. Sie räumt auf mit dem Irrtum der Selbstoptimierung, die in unserer Zeit eine Art Religion ist.

 

Der Prediger in unserem heutigen Bibeltext meint: „Lass davon ab, damit Dein Leben nicht in die Krise gerät, wenn’s hart auf hart kommt.“ Er kennt Menschen, die absolute Vorbilder im Glauben und im Lebenswandel waren und doch früh gestorben sind. Und er kennt andere, die ungesund und rücksichtslos gelebt haben und steinalt geworden sind.

 

Ja, die kenn ich auch. Und das kann einen ganz schön aus der Bahn werfen. Warum müssen die einen so früh sterben und warum dürfen andere so lange leben? Ich hab mir diese Frage erst letztens wieder gestellt. In den vergangenen Wochen sind zwei Menschen aus meinem Bekanntenkreis im Alter von 60 Jahren gestorben. Viel zu früh. Sie hatten noch so viel vor und viele andere hätten sie noch gebraucht.

Warum müssen die einen so früh sterben und warum dürfen andere so lange leben? Das Leben scheint ungerecht. Ich kenne Hochbetagte, die trotz ihres unmöglichen Lebenswandels noch immer leben. Für sich alleine und eher eine Provokation für andere als ein Vorbild.

 

Der Prediger rät: „Deute einen frühen Tod nicht als Strafe und ein langes Leben nicht als Belohnung für deinen Lebenswandel!“ Alles ist „Windhauch“, (Geräusch machen) „da und schon wieder vorbei“. Das ist das zentrale Argument des Predigers. Mit diesem Hinweis beginnt er seine Predigtreihe im ersten Kapitel von Kohelet und er wird sie damit auch beenden: „Versuche irgendwie durch dieses Leben zu kommen. Egal ob es viel zu kurz oder so richtig schön lange war. Lebe also nicht übertrieben gerecht und auch nicht zu gottlos. Damit Du am Ende zufrieden sterben kannst“. Und er ist sich sicher: „Wer Gott ernst nimmt, dem gelingt beides.“

 

Hilft Ihnen dieser Ratschlag fürs Leben?
Ich weiß nicht so recht.
„Griechische Philosophie trifft jüdische Frömmigkeit“ – das war mein zweiter Gedanke beim Hören dieser kurzen Ansprache des Predigers.

Gut: Seine Aufforderung zum Mittelmaß entlarvt die Religion vom perfekten Leben, der  heute viele Menschen hörig  sind. Aber fällt er nicht von der anderen Seite des Pferdes herunter? Es geht doch nicht nur darum, mit sich irgendwie im Reinen zu sein. Hauptsache gut Essen und Trinken und guten Mutes sein, wie er im Kapitel drei vorschlägt. – Das kann doch nicht alles sein! Wir tragen doch Verantwortung für diese Erde und unser Miteinander in der Gesellschaft. Es bringt uns doch nicht weiter, wenn jede und jeder nur nach sich selbst schaut. Gerade angesichts der Kürze des Lebens sollten wir uns als Gäste auf dieser Welt verstehen und so leben, dass auch nachkommende Generationen solch ein lebenswertes Leben führen können.

 

 

Viele Menschen gehen gerade auf die Straße und demonstrieren. Gegen den Rechtsruck in unserer Gesellschaft.  Oder aus Sorge vor der Klimakatastrophe. Sieerinnern uns daran, dass wir jetzt Verantwortung für nachfolgende Generationen übernehmen müssen. Mir scheint das wichtig und ich möchte dieses Engagement dem Prediger und seinem Rat fast entgegenstellen: „Es geht nicht nur um Dich und dass es Dir gut geht.“

 

Beim nochmaligen Nachlesen seiner Predigt lese ich in Vers 17 dann doch auch: „Aber tu nicht so als wärst Du dumm. Warum willst Du vor Deiner Zeit sterben?“ Dummes Handeln bezieht sich für mich nicht nur auf einen erkennbaren Schaden am eigenen Leben. Keine Verantwortung für unsere Umwelt und unsere Gesellschaft zu übernehmen – das ist für mich ebenso eine große Dummheit. Wenn er das auch so sehen könnte, dann könnte ich dem Prediger zustimmen. Aber klar – das sind unsere Themen heute und war für ihn damals nicht relevant. Er bezog sich auf die Lebensumstände damals.

 

Und darum hatte er als Prediger seine kurze Ansprache auch mit einem damals bekannten Sprichwort beendet. Das gehört quasi zum Stil seiner ganzen Sammlung von Kurzansprachen. Das Sprichwort hier heißt: „Gut ist es, wenn du das eine anpackst und auch von dem anderen deine Hand nicht lässt.“

 

Ich hab mir überlegt: Gibt es dafür heute auch eine uns bekannte Redewendung?

Vielleicht am ehesten in der Aufforderung: Achte darauf, dass Du nicht auf der anderen Seite vom Pferd herunterfällst.

In diesem Sinne wünsche ich uns, dass wir die Mitte finden und nicht abstürzen, dass wir vorwärtskommen, Dinge besser machen und uns auch Fehler zugestehen. Dass wir pflichtbewusst und genau sind aber auch mal „Fünfe grade lassen“.

Es muss nicht immer alles super klasse sein. Es darf auch mal nur „nicht schlecht“ sein.

Wer hätte gedacht, dass dieses schwäbische Lob so gut zum heutigen Predigttext passt.