Viele Wege führen…

… zu Jesus. Und es braucht manchmal Mut, manchmal gute Freunde, den Weg zu ihm zu gehen. Aber er lohnt sich auf jeden Fall, erzählt Evangelist Markus, ein Psalmbeter stimmt zu.

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„Wir haben solches noch nie gesehen.“ So endet unsere Geschichte. Ja, die Kombination aller Teile aus diesem Text ist unglaublich. Ich habe so was auch noch nie gesehen. Nicht in diesem Zusammenspiel. Vier Dinge kommen hier zusammen und werden zu einer Geschichte.

  1. Da sind Freunde, die für ihren Freund alles möglich machen.
  2. Da hat einer den Mut und die Frechheit einen ungewöhnlichen Weg zu gehen und lässt ein Dach abdecken, um an Jesus ranzukommen.
  3. Da ist Jesus, der sieht, dass sich einer ganz schön weit von Gott entfernt hat, Ballast mit sich rumschleppt, und er erlaubt sich, die Schuld dieses anderen zu vergeben.
  4. Da ist einer gelähmt, körperlich bewegungsunfähig und kann am Ende wieder gehen.

Alles ein bisschen viel für einen Text. Der Reihe nach.

 

Die Freunde.

Gut, wer gute Freunde hat. Zusammen durch Krisen gehen. Wer ist schon gern allein, wenn es eng wird im Leben? Hier gibt es offenbar Menschen, die ihren gelähmten Freund nicht hängen lassen und mit ihm eine Lösung suchen. Sie tragen ihn zu Jesus. Und als sie nicht durchkommen, decken sie das Dach ab, um von oben an Jesus heranzukommen. Vielleicht war das dem gelähmten Freund gar nicht so recht, so ein Aufsehen! Für ihn! „Ach, nö, lasst mal gut sein“, hat er vielleicht gesagt. „Nett, dass ihr es probiert, aber es ist so voll, es soll wohl nicht sein. Drehen wir um.“ Doch die Freunde denken: „Nein, jetzt sind wir schon mal da, jetzt probieren wir es auch. Wäre doch gelacht, wenn wir mit unserem Freund nicht an Jesus rankommen.“ Gute Freunde tragen einander. Gerade dann, wenn einer nicht mehr kann. Dann erst recht an der Seite bleiben. Dann noch eine Schippe Freundschaft mehr drauflegen. Damit das funktioniert, braucht es Respekt und Wertschätzung füreinander. Um sich so helfen zu lassen, braucht es den Mut, sich dem anderen ganz zu öffnen. Und es braucht Vertrauen, das diesen Mut möglich macht. Loslassen und fallen lassen können. Keine falsche Bescheidenheit, sondern das Eingestehen, dass ich Hilfe brauche und dann die Hilfe des Freundes auch annehme. Gut, wenn ich die Menschen erkenne, die mir zu einem Freund werden können. Vielleicht werden die Freunde im Alter weniger. Das kann traurig machen. Aber ich glaube fest, dass auch im Alter noch jüngere Menschen einem zum Freund werden können. Es müssen nicht immer die alten Freundschaften sein, die mich tragen. Sich trauen, die ausgestreckte Hand der Freundschaft anzunehmen, dass wünsche ich jedem.

 

Dann der Mut und die Frechheit, einfach mal ein Dach abzudecken!

Wenn ich das höre, fallen mir gleich mehrere Sachen ein: Wie groß muss die Verzweiflung sein, um so etwas zu tun? War vielleicht gar nicht der Glaube so groß, wie Jesus sagte, sondern der Mut der Verzweiflung am Werk?

Ich sehe in der Geschichte, dass es auf diese Unterscheidung am Ende gar nicht ankommt. Belohnt wird, wer alles versucht, um an Jesus ranzukommen. Und um das zu erreichen gibt es viele Wege, das zeigt die Geschichte mir auch. Also nicht unterkriegen lassen, nicht verzagen, sondern ungewöhnliche Wege wagen. Für mich heißt das auch: Es gibt viele Wege, um zu Gott zu kommen. Mein Weg dorthin ist vielleicht ein anderer als der meines Partners, meiner Kinder, des Typen, der so abgerissen in der Kirchenbank sitzt. Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Das finde ich super – ganz schön entlastend. Entlastend ist an dieser Geschichte aber noch etwas anderes: Was ich aus meiner Krankheit, meinem Handicap mache, wie ich damit umgehe, welche Ärzte ich aufsuche oder nicht, das liegt in meiner Verantwortung und es ist wichtig, dass ich mich ihr stelle. Aber: Ich darf diese Verantwortung teilen. Mit Gott. Das macht der gelähmte Mann hier, indem er sich ganz Jesus anbefiehlt, nach dem Motto: „Okay, ich weiß nun auch nicht mehr, was ich tun kann, probier du mal dein Glück mit mir.“ In dem Moment macht er seine Geschichte auch zu Jesu Geschichte. Das ist ein Weg, weg von der Vorstellung, dass ich ganz alleine meine Probleme und Ängste verantworten und tragen muss. Ich werde meine Verantwortung für mich nicht los, aber ich trage sie nicht ganz alleine – wie entlastend!

 

Und jetzt zu dem, was Jesus macht. Erstmal befreit er den Gelähmten von seinen Sünden. Noch kein Wort von Aufstehen und Losgehen. Der erste Schritt und für Jesus der wichtigere Schritt, ist zu schauen, dass bei seinem Gegenüber im Inneren aufgeräumt wird. Wenn von Sünde die Rede ist, heißt das: Das sind Dinge, die mich von Gott entfernen, falsche Vorstellungen, wie Leben gelingen kann. Taten und Worte, die für mich selber und oder einen anderen nicht gut waren. Irgendwas lief schief. Irgendwas belastet mich. Lähmt mich innerlich. Hält mich gefangen. Macht mich unfrei. Und Jesus geht jetzt nicht her und diskutiert erstmal, was schiefgelaufen ist. Jesus hält keinen Monolog über die Sündhaftigkeit und gibt Ratschläge. Er spricht ihn frei. Einfach so. Das entsetzt die Gelehrten in unserer Geschichte, nicht nur weil sie denken, dass das Gottes Sache höchstpersönlich ist, sondern weil es zu einfach ist. Mir auch. Wo ist der sichtbare Beweis für die Macht, Sünden zu vergeben? Ist doch zu schön, um wahr zu sein. Ein Freispruch einfach so. Nein, so einfach ist es dann doch nicht. Denn um mich freisprechen zu lassen, muss ich zu Jesus kommen. Durch ein Dach oder wie auch immer. Ihm zeigen, dass ich mit meiner Verantwortung alleine nicht mehr zurechtkomme und ihn brauche. Muss mich ihm anvertrauen. Das geht – wie man hört – auch ohne große Worte. Hier bin ich, Jesus. Das genügt. Das nimmt auch der Wochenspruch auf: „Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“ Heilung von innen, der Beginn aller Heilung, ist das Freiwerden von dem, was passiert ist und ich nicht ändern kann, was mich festhält, an mir zieht und zerrt, mich verwundet und schmerzt. Hier bin ich, Jesus.

Und als wäre die Sündenvergebung nicht schon der größte Klops überhaupt, folgt auch noch die körperliche Heilung des gelähmten Mannes.

Dabei werde ich das Gefühl nicht los, dass das Jesus nur den Gelehrten zuliebe macht, weil sie nicht verstehen können, dass Sünde und Schuld nichts mit der körperlichen Lähmung des Mannes zu tun haben. Auch wenn die Gelehrten das so sehen. Da gibt es keine Schuld, da gibt es keinen Zusammenhang. Natürlich können mich seelische Probleme krank machen, aber Krankheit ist nicht Strafe Gottes. „Habt ihr es verstanden?“, höre ich Jesus regelrecht die Gelehrten stumm anschreien, als er den Mann auch noch körperlich gesund macht. Habe ich das auch verstanden? Auch hier will mich die Geschichte entlasten. Frei machen. Zeigt sich Gott nicht ganz wunderbar in Jesus? Warum fällt es mir so schwer anzunehmen, dass Gott immer nur mein Bestes will, meine Freiheit, ganz ohne Wenn und Aber?

 

Gar nicht so ohne, diese Geschichte aus Kindergottesdienstzeiten. Gut, wer schon von Kindesbeinen an hört:

Freunde tragen durchs Leben.

Wer zu Jesus will, darf seinen eigenen Weg gehen und wenn er noch so ungewöhnlich ist.

Gott will meine Freiheit.

Gott straft nicht, Gott liebt.

„Wir haben solches nie gesehen“, sagen die Gelehrten. Es ist nie zu spät über diese Geschichte zu staunen und sich von ihr berühren zu lassen. Amen